Eine Entdeckung

Im deutschsprachigen Raum ist diese brasilianische Autorin ukrainisch-jüdischer Herkunft ziemlich unbekannt, in Lateinamerika schon lange gefeiert: Clarice Lispector (1920.1977). Gerade wurde ein Band mit ihren Erzählungen veröffentlicht, teilweise Erstübersetzungen.

Thematisch ganz im 20.Jahrhundert verortet setzen sich hier die vorwiegend – aber nicht ausschließlich - weiblichen ProtagonistInnen mit den an sie herangetragenen Rollenerwartungen auseinander. Es geht um Alltag, um Partnerschaft und Liebe, um Erwachsenwerden und Erwachsensein. Immer wieder ist das Bedürfnis da, auszubrechen und „frei“ zu sein, was dann manchmal geschieht – für einen Nachmittag oder eine Weile – oft verbunden mit einer Rückkehr, bei der das Ich dann ein anderes geworden ist. Manchmal geschieht der Ausbruch aber auch einfach in der Phantasie. Immer gibt es ein reichhaltiges, brodelnd-unruhiges Innenleben, das mit den nüchternen Tatsachen der Außenwelt nicht in Einklang zu bringen ist. Aus dieser Spannung sind die Erzählungen gemacht. Zwischenmenschliche Situationen werden minutiös ausgelotet, ebenso die Befindlichkeiten der ProtagonistInnen und ihre Gedankenwelt. Zwischentöne finden so zur Sprache und zeigen auf, wie vielschichtig die Wirklichkeit selbst in den banalsten Momenten sein kann.

Kraftvoll und entschieden sind diese Erzählungen, selbst wenn die ProtagonistInnen zögern und hadern, was sie oft tun. An manchen Stellen schillern sie ganz phantastisch, an anderen sind sie eher melancholisch. Seltsam und grotesk immer wieder, gleichzeitig sinnlich. Immer aber bleiben sie ein bisschen geheimnisvoll und dunkel: Oft liegen die Beweggründe der Menschen im Dunkeln, sie tun eben, was sie tun, aber warum, das weiß man als Leserin nicht so genau. Man schaut ihnen einfach zu, hin und wieder etwas verstört, auf jeden Fall aber nachhaltig beeindruckt.

Wer Sylvia Plath mag (Die Glasglocke, Zungen aus Stein), wird Clarice Lispector auch mögen. Die RezensentInnen überschlagen sich mit prominenten Vergleichen, Virginia Woolf und Kafka kommen vor, aber vielleicht besser erstmal lesen und sich ein eigenes Bild machen. Für Ende des Jahres ist ein außerdem zweiter Erzählband von Lispector im Penguin-Verlag angekündigt, womit dann alle Erzählungen auf Deutsch vorliegen. Auch zu empfehlen sind Lispectors Romane, zum Beispiel: Nahe dem wilden Herzen (1943), Der Lüster (1946) oder Der große Augenblick (1977).

 

Ein Tipp von Miriam

Lispector, Clarice
Penguin Verlag Hardcover
ISBN/EAN: 9783328600947
24,00 € (inkl. MwSt.)