Schrecklich ernst und amüsant

Eigentlich ist diese Geschichte ziemlich tragisch. Sie handelt von Einsamkeit. Die etwa 40jährige Literaturwissenschaftlerin Ruth Weiss blickt auf ihr Leben zurück, besonders auf ihre Studienjahre in London und Paris. Aus einem emotional verwahrlosten Elternhaus stammend, schien ihr die universitäre Laufbahn eine gewisse Geborgenheit zu bieten. Ehrgeizig und ein wenig weltfremd hat sie dort früh ihr Thema gefunden: „Laster und Tugend“ in Balzacs Romanen.

Der Handlung ebenbürtig ist aber die Erzählweise. Diese macht den Roman zu einem Kunstwerk. Einerseits sind die Charaktere – herrlich britisch – geradezu überzeichnet. Aber nur soweit, dass sie noch Menschen sind und nicht zu Karikaturen verkommen. Das ist nicht selten ein wenig zynisch, aber auch scharf beobachtet. Andererseits ist die Tatsache interessant, dass die Autorin eine renommierte Kunsthistorikerin war, und erst in ihren 50ern mit dem Schreiben von Romanen begann. Sie ist also eine erfahrende Beobachterin. Es scheint daher kein Zufall, dass die Situationen des Romans immer wieder von Bildbeschreibungen getragen werden. Oft wird in diesen beiläufigen Beschreibungen von Interieurs oder Speisen die Atmosphäre greifbar. Zum Beispiel: „Die Tasse Tee, die Mrs. Cutler ihr hingestellt hatte, war wolkig, trüb und unberührt“ (S.108) - als Bild für die Spannungen zwischen Mutter und Haushälterin.

Insgesamt eine interessante Verflechtung von Sprache, Bild und Handlung. Im englischen Original bereits 1981 erschienen, jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt und versehen mit einem Vorwort von Julian Barnes.
 

Eine Leseempfehlung von Miriam

Brookner, Anita
Julia Eisele Verlags GmbH
ISBN/EAN: 9783961610112
20,00 €