Sprachkunst und Melancholie

Wenn man einen klassischen Roman mit einer klassischen Handlung erwartet, mag sich der Einstieg in dieses neue Buch von Esther Kinsky erstmal zäh gestalten. Eine Frau auf Reisen, allein, in abseitigen Geländen Italiens, und eigentlich geschieht… nichts. Es sind nämlich vielmehr Reisen des Gedenkens und der Trauer (um den verstorbenen Geliebten) und der Erinnerung (an Italienreisen der Kindheit mit dem Vater, sowie seiner Leidenschaft für sakrale Mosaiken und Etruskergräber).

Diese Innerlichkeit mischt sich mit einer aufs Äußerste geschärften Wahrnehmung der Umgebung. Sobald man sich auf diesen besonderen Roman einlässt, entfaltet sich eine große, stille Welt, voller genauer Beobachtungen, voller eindringlicher Bilder, mal schön, mal nachdenklich. Alles hat Bedeutung, alles kann gelesen und mit der Innenwelt verknüpft werden. Dieses Schreiben, dieser Zugang zur Welt ist ein sehr visueller, und in seiner Konsequenz beeindruckend.

Als „Schule der Wahrnehmung“ beschreibt die Jury das Buch, das den Preis der Leipziger Buchmesse 2018 erhielt. Und: Dass man ihm nur gerecht werde, wenn man es langsam liest, mit einer Geduld, die nichts erwartet.

Ein Tipp von Miriam.

Kinsky, Esther
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518427897
24,00 €