»Extrem viel Diskussionspotential«
Theresa und Katharina haben beide »Die schönste Version« von Ruth-Maria Thomas gelesen. Wie sie das Buch fanden, erzählen sie euch hier im Gespräch.
Theresa: Ich habe »Die schönste Version« letztes Wochenende durchgelesen und wir hatten ja schon ein bisschen darüber gesprochen, auch mit Charlotte. Das Buch beginnt damit, dass ein Mann, Yannick, seine Partnerin Jella würgt. Woraufhin Jella abhaut und Anzeige wegen häuslicher Gewalt bei der Polizei erstattet. Und daran anschließend wird die ganze Geschichte drumherum erzählt. Charlotte meinte, sie fand die Geschichte ambivalent erzählt, in dem Sinne, dass Yannick, den man von Anfang an als Unsympathen empfindet und natürlich als Täter, relativiert wird. Aber das finde ich nicht. Ich finde, er bleibt ein Arschloch und ein Täter.
Katharina: Das bleibt er auch. Aber ich finde, dass Charlotte Recht hat, weil auch die Grautöne gezeigt werden. Ich finde, dass Jella, die ja die Protagonistin ist, dass sie auch Seiten und Verhaltensweisen hat, die nicht in Ordnung sind. Das Buch beginnt ja mit dieser einen krassen Situation, in der sie gewürgt wird und die deutlich gegen sie geht, und danach erst bekommt man mit, was sonst noch geschehen ist. Und über das Buch hinweg, finde ich, kann man die Anfangsszene besser einordnen, indem man lernt, wie sie sich auch ihm gegenüber verhält. Und ich finde, das rückt es ein Stück weit in ein anderes Licht. Es ändert nichts daran, was passiert ist, aber es gibt dem eine zweite Perspektive.
»Für mich war ein Aha-Moment,
dass man versteht, warum Frauen, die
häusliche Gewalt erfahren, trotzdem
in der Beziehung bleiben«
Theresa: Also, ich finde, die Perspektive bleibt schon die gleiche. Für mich war ein Aha-Moment, dass man versteht, warum Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, trotzdem in der Beziehung bleiben. Das ist für Menschen, denen das noch nie passiert ist, vielleicht im ersten Moment total unverständlich. Nach dem Motto: Geh doch einfach weg, zieh doch aus, mach irgendetwas, aber bleib doch nicht da. Das hat das Buch auf jeden Fall erklärt, dadurch, dass es beschreibt, wo die Jella herkommt, wie sie sozialisiert wurde, was ihr vorher passiert ist.
Es gibt auch ziemlich viele explizite Stellen, wie man im Jargon sagt. Also nicht im Sinne von New Adult, sondern um wirklich die Figur im Hinblick auf die erlebte häusliche und sexualisierte Gewalt zu erklären: Was hat sie erlebt, wo kommt sie her? Das fand ich wirklich sehr vielschichtig. Jella ist keine Person, die man total nett und sympathisch findet. Aber es gibt Gründe, warum sie so ist. Und Yannick weiß davon einiges, das muss man auch sagen.
Katharina: Und er nutzt es aus.
Theresa: Er nutzt es aus. Er ist zehn Jahre älter als sie, das heißt, in der Beziehung spielt auch ein Machtgefälle eine Rolle. Es gibt diese eine Szene, die ich sehr gut fand. Da wird gesagt, dass, egal, was sie getan hat, er darf sie nicht würgen und bedrohen. Und das ist einfach ein Fakt.
Katharina: Und sie tut sich aber auch schwer damit, das anzuerkennen. Sie empfindet das ganz lange als nicht so schlimm und fragt sich oft diese typische Fragen: Ist es überhaupt richtig, zur Polizei zu gehen? Ist es nicht eigentlich meine eigene Schuld gewesen? Das fand ich im Buch durch ihre inneren Monologe sehr gut dargestellt. Sie handelt erst einmal viel mit sich selbst aus, kommt aber zu keinem Ergebnis, bis sie dann doch mit anderen Menschen darüber spricht und dadurch eine äußere Perspektive erhält. Das fand ich sehr hilfreich, weil wir als Leser*innen ja auch diese äußere Perspektive haben.
Ich finde sie eigentlich eine total sympathische Protagonistin. Ich glaube aber, dass ganze viele Leser*innen sie nicht sympathisch finden. Für mich aber ist sie sympathisch auf eine Art und Weise, dass man genau versteht, woher sie kommt. Und ich finde, sie hat fast etwas Naives an sich. In dem Sinne, dass man merkt, dass bei ihr noch ganz viel passieren muss und sie noch ganz viel wachsen kann. Das tut sie ja auch über den Verlauf des Buches hinweg. Und gerade ihre Teenagerjahre, die da beschrieben werden, die sind nicht schön und da ist sie vielleicht nicht per se sympathisch, aber sie ist total nahbar und sobald man weiß, woher sie kommt, ergibt alles ziemlich viel Sinn.
Theresa: Ich finde auch, dass das Buch sehr gut konstruiert ist. Man wird als Leser*in mitgenommen, ohne, dass erklärt wird, warum bestimmte Dinge passieren. Das Buch zeigt an expliziten Scheidepunkten in Jellas Leben auf, wie sie in diese Situation gekommen ist, an der wir am Anfang stehen. Ich fand es teilweise echt krass, das zu ertragen. Für mich war auch die Szene ein Knackpunkt, wo sie relativ am Anfang des Buches mit ihrer Freundin Shelly überlegt, was für eine Frau sie gern sein will und dass sie aus dieser Situation heraus auf eine Spur gerät, die nicht gut für sie ist, die sie auch immer mehr verfestigt durch falsche, also ungesunde Verhaltensweisen.
Ich finde, dass es eigentlich ein sehr pädagogisch wertvolles Buch ist. Es gibt ein gutes Ende, zwar nicht im Sinne von einer Auflösung oder Aufklärung ...
Katharina: Aber auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Das hätte mich, glaube ich, gestört und davor hatte ich ein bisschen Angst, als ich es gelesen habe. Dass alles total gut ausgeht sie als krass emanzipierte Frau da rausgeht und sich da durchgearbeitet hat. Das passiert nicht so sehr, und darüber bin ich sehr froh gewesen. Und ich finde es tatsächlich auch pädagogisch wertvoll in dem Sinne, dass man versteht, warum Frauen in solchen gewaltvollen Beziehungen bleiben. Es ist dabei so gar nicht schwarz-weiß, sondern es wird die ganze Zeit in Grautönen erzählt. Ich hab dazu eine Textstelle rausgesucht, die meiner Meinung nach das ganze Buch sehr gut beschreibt, aber auch, wie es zu dieser Szene am Anfang kommen konnte:
»Es war wie im Kino, wenn das Licht
im Saal langsam gedimmt wird. Dieser
Übergang. Auf einmal war alles dunkel und
man hat das gar nicht richtig gemerkt.«
Und das ist das Buch. Es ist nicht von jetzt auf gleich alles schlimm und das ist, glaube ich, auch das Gefährliche an solchen Beziehungen, und auch einer der Gründe, warum Jella in der Beziehung bleibt. Yannick lässt sie ja auch immer zurückkommen und bindet sie sehr stark an sich. Er ist immer wieder dieser ganz tolle Freund, von dem sie zugleich sogar das Gefühl hat, dass sie ihn gar nicht verdient. Und die Beziehung ist nicht immer schlimm. Das ist das Vertrackte an der Situation und ich finde, Ruth-Maria Thomas beschreibt das wirklich extrem gut, sodass man sich da sehr gut reinfühlen kann und es wirklich versteht. Auch, warum es erst so weit kommen musste, bis sie gehen konnte. In dem Sinne finde ich es auch fast aufklärerisch, und vor allem für Männer extrem wertvoll, weil man sich so gut reinfühlen kann und zugleich von außen auf die Geschichte schaut und sich denkt: Mach doch etwas! Hör doch auf, geh doch weg! Zum Beispiel auch bei der Szene, wo sie ihr erstes Mal hatte, wo man auch von außen drauf schaut und man versteht, woher es kommt, aber man leidet so mit ihr mit oder leidet vielleicht sogar mehr als sie, weil sie es gar nicht so an sich ranlassen kann.
Und ich finde, dass die Sprache dafür sehr passend ist. Ich habe in ein paar Rezensionen gelesen, dass viele sich an der Sprache gestört haben. Und sie ist schon sehr grafisch und auch ein wenig vulgär an manchen Stellen. Aber ich fand das ehrlich gesagt extrem passend. Zum einen, weil Jella im Großteil des Buches ein Teenager oder eine junge Erwachsene ist, und die haben in der Zeit so geredet. Und zum anderen, finde ich, lässt einen das viel, viel näher ran, und ich fand es dadurch so ehrlich. Ich glaube, wer gar nicht darauf steht, für den ist das vielleicht nichts. Aber ich fand es für das Buch und für das, was das Buch ausdrücken will, passend und sogar ziemlich wichtig in dem Sinne, dass die Autorin nicht umschreibt, sondern wirklich beschreibt.
Theresa: Ja, doch, das finde ich auch. Man kann schwer sagen, dass es ein gutes Buch ist. Also, es ist für das, was es will und was Ruth-Maria Thomas erreichen möchte, ist es schon ein sehr gutes Buch. Es ist aber kein gutes Buch in dem Sinne, dass man damit eine gute Zeit hat. Es ist wirklich kein schönes Buch.
Mich würde ja tatsächlich noch ein zweiter Teil aus der Perspektive von Yannick interessieren. Er bleiben eben die meiste Zeit im Buch eher wie eine Fassade.
Katharina: Aber er ist ja auch eine Fassade für Jella. Sie kommt ja auch nicht ran an ihn.
Theresa: Ja, aber dessen Sicht würde mich wirklich ein bisschen interessieren.
Es gibt ja auch diese Stelle, wo es darum geht, wer schon mit wie vielen Personen geschlafen hat, und Jella darüber reflektiert, welche Antwort die richtige sein muss. Die fand ich sehr, sehr gut. Denn ich finde, dass Frauen, ganz unabhängig vom Thema, sehr oft darüber nachdenken, was in welcher Situation die richtige Antwort ist. Und Yannick sagt ja dann als Mann die Zahl 21.
Katharina: Und sie rechnet dann, was nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig ist, und sagt ja dann auch nicht die Wahrheit. In dem Zusammenhang finde ich auch den Titel so passend. Ich hatte am Anfang relativ lange überlegt, was der Titel sagen möchte. Und inzwischen finde ich ihn ein bisschen zweiseitig. Zum einen versucht Jella ganz lang, zumindest am Anfang, bevor alles so richtig bergab geht, ihm nur die schönste Version von sich selbst zu zeigen. Sie überlegt immer, was sie sagt, und was er hören will. Auch, als sie dann sehr früh zusammenziehen, versuchen sie sich ein Leben aufzubauen und aufrecht zu erhalten, was sie eigentlich überhaupt nicht leben können und das eigentlich überhaupt nicht passt. Und was sie beide, glaube ich, aus ihren Vergangenheiten auch nicht unbedingt kennen. Gleichzeitig erzählt sie sich selbst aber ganz lange die schönste Version von der Geschichte ihrer Beziehung bis zu dem Punkt, wo sie zur Polizeit geht. Und erst viel später, als sie anfängt, das aufzuarbeiten, was ja nochmal wirklich lange dauert, erkennt sie, dass das nicht die einzige und vielleicht auch nicht die richtige Version von der ganzen Geschichte ist. Und daher finde ich den Titel sehr passend. Es hat nur eine Weile gedauert, bis ich das verstanden habe.
Theresa: Ich finde auch, es ist ein krasses Buch.
Katharina: Krass trifft es auf jeden Fall sehr.
Theresa: Ich würde das Buch am liebsten in der Schule präsentieren. Ich finde, Pubertierenden und ihren Eltern ist das echt zu empfehlen. Wobei ich auch nicht weiß, wie Teenies mit diesen expliziten Stellen umgehen, wenn sie kollektiv gelesen werden müssen. Das ist vielleicht auch ein bisschen schwierig.
Katharina: Vielleicht was für die Oberstufe oder so.
Theresa: Also gerade mit jemandem, der einen an die Hand nimmt und nochmal durch diese ganze Geschichte durchführt. Ich finde es echt richtig, richtig gut.
»Ich finde, es hat extrem viel Diskussions-
potential, weil jede*r Leser*in nicht alles
gleich wahrnimmt, nicht alles gleich schlimm
oder problematisch.«
Katharina: Ich finde vor allem, es hat extrem viel Diskussionspotenzial, weil selbst Leser*innen, die verhältnismäßig objektiv auf die Geschichte gucken können, nicht alles gleich wahrnehmen, nicht alles gleich schlimm oder problematisch wahrnehmen, was ja auch davon geprägt ist, wie man selbst aufgewachsen ist, mit welchen Rollenbildern. Ich glaube, dass es da sehr viel Potential gibt, mehr über sich selbst zu erfahren und darüber, was man selbst in Beziehungen erwartet und als richtig und falsch bewertet. Und ich glaube auch, dass da Gespräche in großen Gruppen sehr weit führen können.