Ein großes Buch über ein noch größeres Land
Kentucky - 2016. Trump steht zur Wahl und die USA ist voller Gräben. In dieser Zeit arbeitet Owen als Baumpfleger. Er versucht so irgendwie über die Runden zu kommen. Für ihn gab es schwierige Zeiten: Drogen, Obdachlosigkiet und das Gefühl der Zerrissenheit, das ihn nicht loslässt, den ganzen Roman über nicht. Seine Eltern hat er zurückgelassen, die für ihn mit ihren begrenzten Weltbildern kaum zu ertragen sind. Mittlerweile wohnt er im Keller seines Großvaters Pop, der den ganzen Tag alte Filme guckt, seinen Ahornbaum beschneiden möchte und Pfirsiche aus der Dose löffelt. Und Cort, zu Beginn ein leicht verrückter Zeitgenosse, der im Laufe der Geschichte eine beinahe gefährliche Faszination für Trump entwickelt.
Dort lebt Owen. Mit seinem Job als Baumpfleger schafft er es Kurse an der Uni zu besuchen, denn eigentlich möchte er Schriftsteller werden. Jede Situation, jeden Dialog behält er im Gedächnis, denn daraus könnte ja eines Tages mal ein großer Roman werden.
Und dann trifft er Alma. Die schon einiges erreicht hat und dabei ist, ihren ersten Roman zu veröffentlichen. Die beiden verstehen einander. Den Wunsch des Schreibens und die ganze Umgebung mithilfe eines Textes zu erfassen und wiederzugeben. Doch es tauchen langsam aber sicher Unterscheide auf. Alma kommt aus Bosnien. Ihre Eltern sind von dort geflüchtet, mittlerweile sehr gebildet und wohlhabend. Beide versuchen zu verstehen, wie der jeweils andere aufgewachsen ist und begreifen doch nie vollständig, was es heißt eine unterschiedliche Herkunft zu haben.
Eine großartige Beobachtung über die USA und über eine Beziehung. Ich hab alle ins Herz geschlossen und konnte gleichzeitig niemanden richtig leiden. Ganz langsam und leise lernt man alle Personen kennen. Die Geschichte hat keine großen Höhen und Tiefen, das sollte man vorher wissen. Genau deswegen ist dieser Roman für mich so realistisch gewesen. Die Anfänge einer Beziehung bis hin zu den ersten Problemen und Krisen, die vielleicht nie überwunden werden können. Die Klassenfrage, die in der USA ja noch einmal eine ganz andere ist als hier. Und warum nur Trump einfach so beliebt ist, wie er ist. Ich habe die Menschen und die Gesellschaft besser verstanden und gesehen nach diesem Text. Da diese Wahl noch gar nicht so lange her ist, ist es umso erschreckender wie altertümlich manches in Kentucky zu dieser Zeit immer noch war.
Irgendwie ein Coming-of-Age Roman und irgendwie auch keiner. Ein Beziehungsroman und irgendwie gibt es auch zu wenig Romantik für einen. Ein Gesellschaftsroman, doch irgendwie gibt es dafür auch zu viel von Owens Innenleben um wirklich einer zu sein. Ganz simpel: Es ist ein wahrlich gelungener Mix aus allem, den ich sehr gerne gelesen habe.
Eine Empfehlung von Charlotte