Extrem unterhaltsam und erkenntnisfördernd
Wer nicht jede Nachricht in den letzten drei Jahren rund um Twitter/X verfolgte, u.a. vielleicht wegen der Frage: »Was sollte mich das interessieren!?«, bekommt mit »Elon Musk und die Zerstörung von Twitter« die Möglichkeit einer Zusammenfassung von Kate Conger und Ryan Mac.
Aber weshalb sollte man nun 600 Seiten über eine Firmenübernahme lesen? Weil das im Fall des vorliegenden Buches extrem unterhaltsam ist. Weil es, wenn man sich mit (Digital-) Wirtschaft und Ihren Eigentümer-Protagonisten nicht viel auseinandersetzt, erkenntnisfördernd daherkommt. Und drittens, im Fall von Elon Musks Twitterübernahme, ein Lehrstück darstellen kann, warum Kapital und damit Macht sich nicht bei einzelnen Menschen konzentrieren sollte.
Das Buch ist lesbar in der Art: Durchgeknallter Tech-Nerd hat Glück mit seinen Jugendinvestitionen. Diese geben ihm die Chance immer weiter zu investieren, um letztendlich mit Versprechungen über Weltverbesserungsprodukte (»Wir breiten uns als Menschheit interstellar aus. – Marsflüge« und »Ihr könnt alle ökologisch Auto fahren. – Tesla«) vollends durchdrehend zum reichsten Menschen weltweit zu werden und dabei gegenüber Firmen-Angestellten empathielos unsozial aufzutreten (Eine Woche nach Musks Übernahme war die Hälfte der Angestellten bei Twitter entlassen und auch heute noch klagen Ex-Twitter-Mitarbeitende Abfindungen ein.). Musk mag allen entgegnen: »Hey Leute, ich sage, was ich denke. Ich habe diagnostiziertes Asperger – das könnt ihr doch verstehen.«
Die Erzählung kann aber auch eine andere sein.
Kate Conger und Ryan Mac, beide seit Jahren journalistisch arbeitend im Silicon Valley Umfeld, stellen die Übernahme von Twitter detailliert nach. Von Twitters Anfängen 2006 über die Probleme einer Content-Moderation und Inwertsetzung eines digitalen Kommunikations-Angebots, den Verkauf an Elon Musk, die Umbenennung in X (2023) bis ins Frühjahr 2024. Wie und warum Elon Musk ein Interesse an Twitter entwickelte und dieses letztendlich bis zum Firmenkauf führte. Was Meinungsfreiheit für Musk bedeutet. (Er darf alles schreiben. Wer etwas gegen ihn formuliert, wird gesperrt, fliegt runter von der Plattform oder von ihm verklagt.)
In dieser Erzählung tauchen Äußerungen von Musk auf wie z.B. »Staatliche Stellen sind schrecklich darin, Dinge zu erledigen.« (S. 467).
Oder an anderer Stelle (S. 548) wird beschrieben, wie Musk an Heiligabend 2022 auf einer Twitter-Serverfarm eintrifft, um diese komplett vom Netz abzuschalten. Laut Conger und Mac sah das so aus: »Irgendwann trennte Musk mithilfe eines Taschenmessers einen Server vom Stromnetz, …« Dazu muss man wissen, dass Verantwortliche bei Twitter Musk vorher mitteilten, dass eine Abschaltung Monate in Anspruch nehmen wird, er aber, um Kosten zu sparen, schneller handeln wollte.
Auf Seite 535 heißt es: »In Gesprächen mit Vertrauten erzählte Musk, dass inzwischen keines seiner Kinder im Teenageralter ihn noch sehen wolle, …«
Und so unterschiedlich diese drei Textbeispiele scheinen mögen, sind es eventuell Denkanstöße dafür, darüber nachzudenken, warum Einzelinteressen nicht zu einer besseren Welt für alle führen werden. Warum demokratische Kontrolle auch wirtschaftliche Kontrolle beinhalten muss. Wieso Produkte eben nicht einfach nur Produkte sind, sondern interessengeleitete Informsetzungen menschlicher Ideen.
Ob Musks Produkte die Welt, sprich alle Menschen, reicher machen oder eher ihn, wird in der Zukunft entschieden. Mit etwas Interesse am Agieren von Typen wie Musk, könnte jeder und jede und alle dazwischen angebliche persönliche Grandiositäten und die Absurditäten heutigen Wirtschaftens in Frage stellen. Es lohnt sich. Im besten Fall, um Leuten wie Musk nicht auf den Leim zu gehen.
Ein Buchtipp von René