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Trofee
Lisa Mensing
19.02.2024
Deutsch
256 S.
2.3 x 20.9 x 13.1 cm
Carl Hanser Verlag GmbH & Co.KG
info@hanser.de
Vilshofener Straße 10
DE 81679 München
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Unser Tipp für Sie
Charlotte und Jonas haben beide »Trophäe« von Gaea Schoeters gelesen. Wie es ihnen gefallen hat, berichten sie euch hier im Gespräch.
Jonas: Mit der Trophäe von Gaea Schoeters hab ich mir auf jeden Fall was Bleibendes mit nach Hause geholt, dieses Buch hallt lange nach.
Charlotte: Gänsehaut hatte ich ziemlich viel während des Lesens. Es war Grusel-Gänsehaut wie bei Horrorfilmen, wenn man ahnt, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird.Und sehr viel Schlimmes ist dann auch tatsächlich geschehen. Trotzdem ist dieses Buch eines der besten für mich in diesem Jahr, denn es hat etwas mit mir gemacht. Es hat mich schockiert, angeekelt und fassungslos zurückgelassen. Und dass es mich nicht loslässt, zeichnet für mich ein gutes Buch aus.
Jonas: Protagonist Hunter White wirkt namentlich erst etwas platt, aber man merkt schnell, dass es komplex wird und wirklich nichts dem Zufall überlassen ist. Der reiche Amerikaner macht seinem Namen alle Ehre und nimmt uns mit in sein teilweise krudes Denken und Erleben der Jagd. Diese ist für ihn mehr als ein Hobby, er ist als Ausgleich zu seinem Berufsleben als Händler mit Illusionen und Investor auf der Suche nach authentischen, existentiellen und unbedingt männlichen Erfahrungen. Ein im Buch konsequent pauschalisiertes Afrika soll sie ihm bescheren, schließlich hat er mal wieder viel dafür bezahlt, auch wenn er genau weiß, dass die idealisierten guten alten Zeiten längst vorbei sind.
Charlotte: Hunter ist ein wahnsinnig reicher US-Amerikaner, der nach Afrika reist, um dort seine Big Five vollzumachen. Also besser gesagt, um ein Nashorn zu schießen und als Trophäe mit nach Hause zu nehmen, um dieses seiner Frau präsentieren zu können. Wilderer machen ihm allerdings ein Strich durch die Rechnung. »Sein« Nashorn wird von anderen geschossen. Hunter ist maßlos enttäuscht, doch sein Jagdführer stellt ihm ein anderes Lebewesen vor, auf das er schießen soll. Eines, das zu den Big Six gehört.
»Könnte ich das moralisch vertreten?
Macht diese Jagd auf irgendeine groteske,
perverse Art und Weise Sinn?«
Ganz schön schwer wiegt dieser Moment, wenn man als Leser erkennt, was oder wen Hunter in diesem Roman jagen wird. Man hinterfragt sich daraufhin pausenlos selbst. Denn je länger man liest, desto mehr kommen die Fragen auf: Könnte ich das moralisch vertreten? Macht diese Jagd auf irgendeine groteske, perverse Art und Weise Sinn? Ja und Nein. Denn die Autorin hat ein wahres Händchen dafür, ihre Protagonisten verständlich zu machen und deren Beweggründe nicht einfach als »böse« oder »falsch« stehen zu lassen. Ich habe sogar eine gewisse Sympathie gegenüber Hunter entwickelt, was mich dann wiederum selbst total gestört hat.
Jonas: Einfach gestrickt ist Hunter nicht, seine bisweilen schlüssige Logik rund um Arten- und Naturschutz verfängt, die damit einhergehende moralische Überlegenheit wird allerdings immer wieder gekonnt vom Pragmatismus der Einheimischen gekontert. Nachdem das mit der erhofften Jagd auf das in der Sammlung noch fehlende Spitzmaulnashorn natürlich schief geht, werden endgültig Grenzen zum Abgrund überschritten, auch wenn das nur die logische Konsequenz ist, wenn bereits Gedachtes weiter gesponnen und in die Tat umgesetzt wird. An der Spitze der Nahrungskette steht eben nicht jeder Mensch. Der bewundernde Blick auf die Einheimische Bevölkerung, der das Leben und die Jagd auf ihrem Land großzügig erlaubt wird, lässt hier passend unangenehme Karl-May-Vibes entstehen, Arroganz ist so allgegenwärtig wie das koloniale Erbe, Kontinuitäten werden sichtbar gemacht.
»Das Ganze liest sich sinnigerweise
spannend wie ein Abenteuerroman,
das perfekte Genre als Vehikel.«
Charlotte: Die Absurdität dieses wirklich gut konstruierten Szenarios wird einem im Laufe der Geschichte immer klarer. Beispielsweise bewegt sich ein weißer, reicher Mann auf rechtlichem Grund und Boden eines anderen weißen, reichen Mannes. Beide werden aber von einem schwarzen Fährtenleser geführt, weil sie sich sonst direkt verlaufen und sterben würden. Genau so ist die Beobachtung gegenüber dem Kontinent irgendwie keine klare Sache. Es gibt simple Aussagen in diesem Buch über Afrika und dessen Bewohner, die aber meines Erachtens durch Hunters Blick stark gefärbt sind. Dennoch habe ich das Gefühl, auch diesbezüglich gelernt zu haben.
Dazu kommt, dass die Glorifizierung des Jagens und des Tötens beinahe einem religiösen Fanatismus gleicht. Die Natur und Umgebung werden hingebungsvoll beschrieben, nur um dann lediglich als Spielstätte für Hunters Jagd hinhalten zu müssen.
Jonas: Eigentlich kommt niemand in die Buchhandlung und fragt nach Stoff, der fassungslos macht, anekelt und abstößt, und trotzdem möchte ich das Buch unbedingt empfehlen! Nach der schweißtreibenden, aber packend-unterhaltsamen Lektüre hat es sich wirklich einen Platz im Trophäenregal verdient.
Charlotte: Alles in allem hat mich das Buch wahrlich fasziniert und auch wahnsinnig gut unterhalten. Ich würde tatsächlich sagen, dass, wer wirklich Bock und starke Nerven hat, es selber lesen soll.